ACHTSAMKEIT IM ELTERNSEIN IN THEORIE UND PRAXIS.

Was bedeutet Achtsamkeit in der Familie eigentlich? Wie geht sie? Und wie kann ein unterstützender Ansatz für Eltern im Familienalltag konkret aussehen? Klärungsversuch einer Lernenden und Lehrenden.


Kürzlich unterhielt ich mich auf dem Spielplatz mit einer anderen Mama und wir sprachen darüber, was wir – neben unserer Tätigkeit als Mutter, Haus- und Putzfrau - denn sonst noch so machen. Ich erzählte ihr, ich sei Meditations- und Achtsamkeitslehrerin und begleitete Mamas und Papas auf ihrem Weg in ein bewusstes, authentisches ElternSein. Noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende geführt hatte, sprudelte es aus ihr heraus: Achtsamkeit, das hätte sie ja auch schon mal versucht: Meditation, Me-Time, Journaling… Aber das hätte alles nicht funktioniert. Und außerdem hätte sie dafür ohnehin keine Zeit in ihrem vollgestopften Mama-Alltag. Eine Nullnummer also…


Meine Bekannte legte den Finger mittenrein in meine Achtsamkeitslehrerinnen-Wunde, denn auch mir fällt es manchmal schwer Achtsamkeit für Eltern konkret zu beschreiben – und das, obwohl ich viele achtsamkeitsbasierte Methoden und Techniken aus meiner Erfahrung als unglaublich hilfreich einschätzen würde! Daher möchte ich heute der Frage nachgehen, was Achtsamkeit im elterlichen Kontext eigentlich bedeutet, wie sie in der Praxis aussehen kann und wie wir Achtsamkeit als Mama oder Papa in unseren Alltag integrieren können. Und zwar ohne, dass wir dadurch zusätzlichen Leistungsdruck erfahren müssen.





Exkurs: Was verstehe ich unter Achtsamkeit?


Achtsamkeit bedeutet für mich, meine ungeteilte Aufmerksamkeit darauf zu richten, was im Hier & Jetzt geschieht. Möglichst ohne Urteile und Bewertungen. Stattdessen mit einer guten Portion Offenheit und Freundlichkeit, so als würde ich genau diesen Moment das allererste Mal erleben. Präsent. Neugierig. Wohlwollend.

Die westliche Achtsamkeit, wie wir sie heute kennen, hat ihre Wurzeln in der Arbeit des amerikanischen Molekularbiologen Dr. Jon Kabat-Zinn, der in den 70ern die Erkenntnisse der modernen (Neuro-)Wissenschaft mit den fernöstlichen Traditionen des Zen-Buddhismus kombinierte und daraus eine wissenschaftlich fundierte Methode zur Stressreduktion im klinischen Kontext entwickelte. Sein achtwöchiges Programm MINDFULNESS-BASED STRESS REDUCTION (kurz: MBSR) beinhaltet u.a. das Durchführen von Körperwahrnehmungen, Yogasequenzen, Atemtechniken und Meditationen. Bis heute wird MBSR weltweit eingesetzt, unter anderem bei chronischen Schmerzen, Depression oder Angststörungen. Ihre stressreduzierende und gesundheitsfördernde Wirkung wurde inzwischen in umfassenden Studien vielfach nachgewiesen. Die Arbeit von J. Kabat-Zinn definiert als Basis die hier beschriebene Achtsamkeit (die sog. evidenzbasierte Achtsamkeit).



Frage 1: Was bedeutet Achtsamkeit im ElternSein konkret?


Für mich bedeutet Achtsamkeit im ElternSein, dass wir uns immer wieder ganz neu einlassen auf den jetzigen Moment. Den Moment im Außen und den Moment im Innen. Ein Beispiel: Ich betrete das Badezimmer und stelle fest, dass meine zwei Fünfjährigen ihr Badewasser gerade in eine Springflut verwandelt und so den Fliesenboden in einen Swimmingpool umfunktioniert haben. Wie könnte ich theoretisch und idealtypisch dem Ganzen jetzt möglichst „achtsam“ begegnen?


1. Der Moment im Außen: Der Situation offen & annehmend begegnen.

Elterliche Achtsamkeit besteht darin, mich meinen Erfahrungen im Elternalltag wohlwollend zu öffnen. Den Moment, den ich gerade erlebe, aufmerksam wahrzunehmen, ohne sofort in irgendwelche Denkmuster zu verfallen oder einem Handlungsimpuls folgen zu müssen.

  • Stattdessen lasse ich Raum entstehen! Raum zwischen dem, was ich sehe und dem, was ich daraufhin tue. Nicht reagieren, sondern erstmal spüren. In mir!

  • Annehmen. Unabhängig davon, ob dieser Moment gerade erwünscht ist oder nicht. Er ist da. Jetzt & Hier.



2. Der Moment im Innen: Meinem inneren Erleben offen & annehmend begegnen.

Das, was mir als Mama fast noch schwerer fällt als das einigermaßen neutrale Beobachten einer Situation, ist das neutrale oder sogar liebevolle Beobachten von mir selbst in dieser Situation. Wenn ich vielleicht nicht reagiert habe, wie ich eigentlich reagieren wollte. Dann bin ich oft ganz schnell im Urteil, uns zwar selten zu meinen Gunsten.

  • Meine Körperreaktionen spüren, meine Gefühle und Gedanken wahrnehmen. Offen und neugierig. Ohne mich mitreißen zu lassen. Sein lassen, was ist.

  • Mitgefühl als eine Komponente achtsamen ElternSeins bedeutet meinem inneren Erleben liebevoll zu begegnen. Mich nicht zu verurteilen. Mich zu trösten und zu halten.



So... Das ist aus meiner Sicht Achtsamkeit im ElternSein. Die Frage ist jetzt allerdings noch, wie ich es schaffe, eine dermaßen große Neugier und Urteilsfreiheit zu entwickeln, dass mein System – wenn mein Badezimmer gerade zu einem erheblichen Teil unter Wasser steht – eben nicht ungewollt in den Auto-Schrei-oder-Ausflipp-Modus schaltet. Wie ich, statt zu reagieren, erst einmal urteilsfrei wahrnehmen kann, um dann - mithilfe meiner Bewusstheit über das Hier & Jetzt - einigermaßen gelassen auf die Situation einzugehen. Und…. Wenn ich es nicht geschafft habe, die Springflut erst einmal mehr oder weniger gelassen anzunehmen und stattdessen eben doch gegen meine Werte gehandelt habe: wie schaffe ich es dann, mich eben nicht auch noch dafür zu verurteilen, sondern stattdessen liebevoll mit meiner eigenen Menschlichkeit umzugehen? Wie komme ich dahin?



Frage 2: Wie geht Achtsamkeit im ElternSein?


Praxis! Als Praxis bezeichnet die Achtsamkeitsszene nichts Anderes als regelmäßiges Üben. Das Einüben einer ganz bestimmten Art der wohlwollenden Aufmerksamkeit. Auf eine Situation, unseren Körper, unsere Gefühle und unsere Gedanken. Das Trainieren eines gewissen Abstandes zu all dem. Um uns freier zu machen von Denkmustern und Glaubenssätzen. Und von automatischen Reaktionen! Um dann diesen wertvollen Raum zu haben, in dem wir mit klarer Bewusstheit entscheiden können, wie wir mit den Herausforderungen im alltäglichen Familienwahnsinn absichtsvoll und im Sinne unserer eigenen Werte umgehen möchten.

Traditionell besteht eine fundierte Achtsamkeitspraxis immer aus der formellen und der informellen Praxis.


· Formelle Praxis

Zur formellen Praxis gehören z.B. Sitz- oder Gehmeditationen, Yogaeinheiten oder auch Atemübungen, die regelmäßig durchgeführt werden um unser System zu trainieren. Ich verstehe das – zumindest im Elternkontext – als eine Art Trockenübung: Wir kultivieren (oder trainieren) bestimmte Qualitäten des Geistes (z.B. Aufmerksamkeit), des Körpers (z.B. Atmen) und des Herzens (Mitgefühl) um diese Fähigkeiten dann in der Krise (Springflut im Badezimmer) abrufen zu können. Bämmmm!!! Genial, oder??? Da Zeit im Familienalltag des 21. Jahrhunderts bekanntermaßen jedoch recht spärlich ist, verliert die formelle Praxis im Alltag bei den meisten Eltern leider etwas an Relevanz – und das ist total verständlich. Hilfreich ist sie trotzdem – auch wenn es nur 5 Minuten täglich sind!


· Informelle Praxis

Als weitaus praxistauglicher hat sich für die meisten Familien die informelle Praxis der Achtsamkeit erwiesen – also die, die wir fast nebenbei in unseren Familienalltag integrieren können. Praktisch, weil sie keine zusätzlichen Zeitressourcen in Anspruch nimmt. Und noch besser: jede unserer Alltagstätigkeiten eignet sich großartig, um Achtsamkeit zu trainieren. Denn es geht nicht darum, auf einem Kissen stundenlang in irgendwelche Bewusstseinszustände abzudriften. Es geht einzig und allein darum, dieser einen Tätigkeit, die wir gerade tun, unsere komplette Aufmerksamkeit zu schenken. Alle unsere Sinne dorthin zu richten, wo wir empfinden. Hören. Riechen. Fühlen. Sehen. Schmecken. Nicht mehr und nicht weniger!





Eine Tasse Tee oder ein Schaumbad ist erstmal nur eine Tasse Tee oder eben ein Schaumbad. Nichts anderes als beispielsweise Kloputzen. Entscheidend im Kontext der Achtsamkeit ist nicht, WAS wir tun, sondern WIE wir etwas tun. Wenn ich mit meiner Tasse Tee in meinem Schaumbad sitze und mich dort dafür fertig mache, dass ich eben völlig ausgeflippt bin als die Legokiste durch die Küche flog, hat das relativ wenig mit Achtsamkeit zu tun. Und schon gar nicht mit Mitgefühl! Die Tasse Tee, das Schaumbad oder auch das Kloputzen bilden einfach den Rahmen für die Achtsamkeitspraxis. Die eigentliche Praxis entfaltet sich darin, in welcher Haltung ich tue, was ich tue und wie ich dabei mit mir selbst umgehe.



Frage 3: Wie kann eine hilfreiche Achtsamkeit für Eltern im Alltag aussehen?


Ich glaube, es gibt nicht die „eine Achtsamkeit“, die für alle Eltern und Familien gleichermaßen hilfreich und unterstützend ist. Wir alle sind verschieden. Und so verschieden wie wir, sind auch unsere Familien. Unsere Kinder und Partner. Unsere Herausforderungen. Unsere Ressourcen. Und unsere Grenzen.


Ich sehe meinen Job als Achtsamkeitstrainerin demnach nicht in der Vermittlung einer „perfekten“ Methode und als Praktizierende nicht im Üben der „richtigen“ Übungen. Ich sehe meine Aufgabe darin, mir selbst und möglichst vielen Eltern einen individuellen Zugang zur Achtsamkeit zu ermöglichen. Indem ich einlade immer wieder neu zu schauen, was uns gerade guttut. Was wir brauchen. In welcher Form.

  • Was hilft uns jetzt, uns mit uns selbst und dem Augenblick zu verbinden und im Hier & Jetzt anzukommen?

  • Was, um offen und neugierig zu bleiben oder wieder zu werden?

  • Wie können wir die unveränderlichen Dinge annehmen, wie sie sind – auch und gerade wenn wir sie gerne anders gehabt hätten?

  • Was hilft uns, uns selbst und unseren Kindern auch im Stress immer wieder liebevoll und mitfühlend zu begegnen?

  • ...


Ich lade dich immer wieder auf’s Neue ein, verschiedene Tools auszuprobieren: Meditationen, Körperübungen, Reflexionen. Formell und informell. Wie eine Art Buffet. Und du schaust, worauf du Bock hast, was hier & jetzt für dich passt.


Du findest deinen ganz persönlichen Weg. Du spürst, was du brauchst. Und auch, wenn gerade das Spüren am Anfang schwierig ist: Je länger du diesen Weg des achtsamen, bewussten ElternSeins gehst, desto einfacher wirst du klar haben, was du in welchem Moment brauchst. Und du wirst intuitiv und sicher wählen können, ob dir eine Tasse Tee den passenden Rahmen für deine Praxis bietet oder vielleicht doch lieber eine kleine Yogasequenz oder ein Waldspaziergang. Your choice!


Neugier. Vertrauen. Authentizität. Verbundenheit. Das ist der unterstützendste Ansatz der Achtsamkeit, den ich dir und mir im Hier & Jetzt anbieten kann. Was wir daraus machen, liegt bei uns.


Und weil ich das Büffet so einladend wie möglich gestalten möchte, betreibe ich neben diesem Blog zu bewusster, authentischer Elternschaft meinen Instagram Kanal mindful.authentic.parenting, auf dem ich meine Gedanken, Impulse und Ideen, aber auch meine ganz persönlichen Herausforderungen teile. Darüber hinaus biete ich unterschiedliche Kursformate für interessierte Mamas & auch Papas an – derzeit nur online, hoffentlich bald aber auch wieder Live und in Farbe!


Also … wenn dich das Thema anspricht und du dich gerne auf den Weg in einen achtsameren Familienalltag machen möchtest, schau vorbei. Ich freu mich!


Hey. Schön, dass du hier bist! Ich bin Constance. Kommunikationstrainerin, Achtsamkeitslehrerin, Yogini und seit 2015 Zwillingsmama. Und immer wieder neu auf der Suche nach meiner inneren Wahrheit. Um mir und meiner Familie ein Leben in Bewusstheit und Authentizität zu ermöglichen. Deshalb betreibe ich diesen Blog und den dazugehörigen Instagram-Account, wo ich in familienkompatiblen Abständen über meine Reise in und durch ein bewusstes, authentisches ElternSein berichte.


Mindful. Authentic. Mostly.

Constance


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