BUDDHISTISCHE PSYCHOLOGIE FÜR MAMAS. TEIL 3/4: REAKTIVITÄT VERRINGERN

Im ersten Teil dieser vierteiligen Artikelreihe habe ich darüber geschrieben, warum ich glaube, dass wir die unangenehmen Seiten unserer Mutterschaft unbedingt annehmen sollten. Der zweite Teil beschäftigte sich intensiver mit der Frage, was genau die Ursache dafür ist, dass wir immer wieder unter bestimmten Aspekten unserer Mutterschaft leiden. In diesem dritten Teil möchte ich jetzt ein wenig der Frage nachspüren, wie genau wir aus diesem inneren Stresserleben, das die unangenehmen Seiten unseres Familienlebens verursachen, denn nun aussteigen können. Und ob überhaupt…???



Klingt ein bisschen danach, als könnten oder sollten wir die nervigen Aspekte unseres Erlebens als Mütter aus unserem Leben einfach mal zur Seite schieben, oder? Als dürften wir keine Wut mehr spüren. Keinen Ärger. Alles Runterschlucken? Um nichts mehr fühlen und spüren zu müssen? So dass unser MutterSein am Ende dann doch wieder rosarot und wunderbar ist? DEFINITELY NOT!!!! Und trotzdem gibt es – zumindest in der buddhistischen Psychologie - die Theorie vom Ende des Leidens. Dem NIRVANA. Ein Zustand des ewigen Friedens und der Ruhe. Wie kommen wir also dahin, ohne unser inneres Erleben irgendwie negieren zu müssen?



Grundannahme 3:
DIE BEENDIGUNG VOM LEIDEN IST MÖGLICH.

Ob oder ob nicht das Nirvana aus einer traditionell-budhhistischen Perspektive das definitive Ende jeglichen Leidens ist und wir damit für immer aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten austreten, darum geht es hier nicht! Ich möchte ganz pragmatisch und alltagstauglich schauen, wie wir diese uralten Ideen in unserem Hier & Jetzt als Mütter nutzen können. Also: was bedeutet diese Dritte Edle Wahrheit: „Die Beendigung vom Leiden ist möglich.“ für die Herausforderungen des 21. Jahrhundert, wo es mittlerweile so unfassbar viele Stressoren im Außen gibt, dass die halbe Menschheit schon gar nicht mehr weiß, worum sie sich als erstes sorgen soll, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denkt?


Lass uns dieses große, bedeutungsträchtige NIRVANA kurz in eine zeitgemäße und mama-alltagstaugliche Sprache bringen.


Nirvana ist ein innerer geistiger und emotionaler Zustand, in dem wir weder an etwas Gewünschtem festhalten, noch etwas Unerwünschtes ablehnen.

Wir verzichten also primär erstmal auf irgendwelche BEWERTUNGEN. Vorallem Bewertungen das Empfinden oder Verhalten unseres Kindes betreffend. Und Bewertungen in Bezug auf unser eigenes Empfinden oder Verhalten. Aber auch Bewertungen hinsichtlich bestimmter zwischenmenschlicher Konflikte oder alltäglicher Stressmomente. Und wenn wir einigermaßen frei sind von unseren inneren Bewertungen oder Urteilen über ein bestimmtes Alltagsproblem, dann entsteht dadurch dieser wundervolle Raum zwischen Reiz & Reaktion, um den es in meiner Arbeit mit Müttern hauptsächlich geht. Dieser Raum, in dem es möglich ist, absichtsvoll zu handeln, statt blind zu reagieren. Und zack ist es da: das NIRVANA - das Ende unseres Hamsterrades! :-)


Das mag jetzt möglicherweise ein wenig flapsig klingen und ich gebe zu: es IST vereinfacht und herunter gebrochen – und zwar sehr bewusst. Die Message, die aus meiner Sicht nämlich dahinter steckt – und das war zu Buddhas Zeiten auch nicht anders - ist folgende:


Wenn du aus dem ewigen Hamsterrad des Mama-Stress, des Getriggert-Seins durch dein Kind, der Kurzschlussreaktion und der anschließenden Scham sowie dem Eindruck, die schlechteste Mutter aller Zeiten zu sein, aussteigen möchtest, darfst du lernen, für die Erfahrungen, die du in deiner Mutterschaft machst, offen zu sein, ohne sie instinktiv als gut oder schlecht, richtig oder falsch zu bewerten.

Wenn du das einigermaßen auf die Kette bekommst, werden die empfundenen Stressmomente definitiv weniger. Du wirst gelassener, geduldiger, kreativer.



DAS ENDE DES MÜTTERLICHEN HAMSTERRADES
KOMMT IN KLEINEN HÄPPCHEN

Aus dieser säkularen (nicht religiösen Perspektive) ist Nirvana im Übrigen kein Endzustand. Es ist ein banaler Moment im Alltag!

  • Ein Moment, in dem du es schaffst, zu bemerken, dass in dir gerade ein Widerstand gegen das Verhalten deines Kindes entsteht.

  • Ein Moment, in dem du diesem Widerstand eine gewisse Aufmerksamkeit schenkst und ihn dann auf eine natürliche Art und Weise weiterziehen lässt.

  • Ein Moment, in dem du dir bewusst bist, dass dieser Widerstand aus einer negativen Bewertung deines aktuellen Hier & Jetzt entstanden ist.

  • Ein Moment, in dem du nicht sofort auf diesen Reiz reagierst, sondern stattdessen einfach erstmal abwartest. Vielleicht atmest. Zeit und Raum gewinnst.

Dieser winzig-kleine Moment ist dein Nirvana! An manchen Tagen gibt es viele dieser Momente. An anderen Tagen kaum. Aber es gibt sie, immer und immer wieder!

Ein Beispiel: Du bist mit deinem Kind auf dem Spielplatz und es beginnt sich mit einem anderen Kind um einen Ball zu streiten. Die Mutter des anderen Kindes hatte dich kürzlich schon angesprochen, weil dein Mini ihrem Mini die Schaufel etwas unsanft entrissen hatte. Du beginnst zu schwitzen, weil du nicht als schlechte Mutter dastehen möchtest und gehst sofort los, um die Situation möglichst schnell aufzulösen. Und jetzt stell dir vor, dein Kind beginnt mit einem anderen Kind um einen Ball zu streiten, dessen Mutter eine Freundin ist, die gerade tiefenentspannt neben dir auf der Parkbank sitzt. Beginnst du dann auch zu schwitzen? Rennst du dann auch los, um den Konflikt sofort zu beenden? Vermutlich nicht, weil die Bewertung der Situation eine andere ist. Weil du nicht in den Widerstand gehst gegen die vermutete Reaktion der anderen Mutter – gegen ein unangenehmes Bild, das von dir entstehen könnte. Gegen den möglichen Konflikt.


Wenn du es schaffst, in diesen kleinen Alltagsmomenten dein Bewusstsein darauf zu fokussieren, dass das, was in dir gerade lebendig ist, immer die Folge bestimmter Vorbedingungen ist und im Grunde auch ganz anders sein könnte, dann entsteht dadurch ein gewisser Abstand zu deinen Empfindungen, deinen Gedanken und Gefühlen. Und das entlastet dich von dem Drang JETZT SOFORT REAGIEREN zu müssen. Warum? Weil die meisten Dinge im Alltag dann nicht mehr GRUNDSÄTZLICH FALSCH sind, sondern hier & jetzt vielleicht gerade einfach nur unangenehm. Und das können wir gewöhnlich viel besser aushalten.



FAZIT. WIE GEHT NIRVANA IM MUTTERSEIN?

Es geht also keinesfalls darum, die belastenden Erfahrungen und damit verbundene Empfindungen, Gedanken oder Gefühle zu ignorieren. Im Gegenteil! Es geht darum, sie bewusst wahrzunehmen, ohne sich von ihnen mitreißen zu lassen, die sog. Nicht-Identifikation.


Jeder Moment, in dem wir unseren Ärger, unsere Wut oder unser Andershabenwollen einfach nur bemerken können, ist Nirvana. Ist das Ende des ewigen HamsterradS des Mama-Stress. Ein nicht-reaktiver Raum, aus dem unglaubliche Kreativität entstehen kann. Ist Freiheit! Und genau das ist das Ziel einer bewussten, authentischen Mutterschaft - so, wie ich sie verstehe. Voilà!



 

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Ich bin Constance, ausgebildete Achtsamkeits- und Meditationslehrerin, Kommunikationstrainerin, leidenschaftliche Yogini und seit 2015 Zwillingsmama. Jeden einzelnen Tag neu bin ich auf der Suche nach meinem persönlichen Nirvana. Ich liebe, lebe und lehre hauptsächlich die Praxis der evidenzbasierten Achtsamkeit im Familienkontext, aber auch ihre tiefen, buddhistischen Wurzeln. Wenn du Lust hast, mehr darüber zu erfahren oder in den Austausch zu gehen mit einer wundervollen, nährenden Community bewusster, authentischer Mamas, abonniere gerne meinen Instagram-Kanal mindful.authentic.parenting oder komm' in unsere Facebook-Community


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Mindful. Authentic. Mostly.

Constance