BUDDHISTISCHE PSYCHOLOGIE FÜR MAMAS. TEIL 2/4: ERWARTUNGEN LOSLASSEN

Im ersten Teil dieser vierteiligen Artikelreihe habe ich darüber geschrieben, warum ich glaube, dass wir die unangenehmen Seiten unserer Mutterschaft unbedingt annehmen sollten und dass genau daraus eine große Freiheit entstehen kann. In diesem Beitrag geht es um die Ursachen dieser vermeintlich unangenehmen Momente im MamaSein und um die Frage, was genau uns dabei helfen kann, den natürlichen Widerstand gegen diese ungeliebten Erfahrungen aufzugeben, um letztlich auch wirklich in die Akzeptanz unseres Hier & Jetzt als Mama zu kommen.






REVIEW & EINORDNUNG: Die Vier Grundannahmen

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gibt es in der buddhistischen Psychologie vier Grundannahmen - traditionell auch die Vier Edlen Wahrheiten genannt.

  1. Es gibt Leiden.

  2. Begehren ist eine Ursache des Leidens.

  3. Die Beendigung vom Leiden ist möglich.

  4. Es gibt einen Weg, Leiden zu beenden.

Dass Schmerz ein unabänderlicher Teil unseres MamaSeins ist, wissen wir seit Artikel N°1 dann ja jetzt. :-) Zeit also für den nächsten Schritt, nämlich für Frage: 2. Woher kommt's eigentlich? Buddha meint: Die Ursache unseres Leidens liegt im Begehren. Na, ich würde mal sagen, das ist ziemlich abgefahrener Tobak und braucht vielleicht an dieser Stelle eine zeitgemäße Neuinterpretation. Here we go - mit meiner Grundannahme Nummer 2...



Grundannahme 2:
EINE URSACHE DES LEIDENS IST BEGEHREN.

Begehren ist eine Ursache des Leidens. Klingt erstmal nach 'ner ziemlich traurigen Veranstaltung, wenn unser Erleben von Lust, Wünschen und Freude plötzlich Ursache unseres Schmerzes sind. Ohne Verlangen nach irgendetwas wäre die Menschheit schon längst ausgestorben! Sie würde sich nicht weiterentwickeln, Innovationen und Wachstum wären unmöglich. Spaß, Freude und Befriedigung im Leben wären inexistent, denn wenn es kein Begehren gibt, kann auch nix befriedigt werden. Blöd irgendwie! Davon mal ganz abgesehen, wären wir noch nicht mal auf der Welt, wenn es kein Begehren gäbe. Also???


Vielleicht wird es ja verständlicher, wenn ich das Begehren an dieser Stelle umformuliere in FESTHALTEN AN ETWAS – sagen wir mal an bestimmten Ideen über deine Mutterschaft. An Vorstellungen darüber, wie du in bestimmten Situationen mit deinem Kind idealerweise umzugehen hast oder wie dein*e Partner*in seine Rolle in eurer Familie spielen sollte. Nicht, dass es grundsätzlich schlecht ist, bestimmte Vorstellungen vom Leben zu haben, im Gegenteil. Aber! In der buddhistischen Psychologie gibt es entweder HEILSAMES FESTHALTEN oder UNHEILSAMES FESTHALTEN. Das heilsame Festhalten ist nicht das Problem. Es ähnelt eher einer liebevolle Absichtserklärung, die uns motiviert Dinge auf eine intuitive und authentische Art und Weise anzugehen. Heilsames Festhalten ist wie ein Leitstern, dem wir folgen, der uns in einen Prozess des Wachstums bringt. Und uns verzeiht, wenn wir uns ihm zwischendurch nicht auf direktem Wege nähern. Unheilsames Festhalten aber macht uns hart, unflexibel und dogmatisch. Und führt zu dem im letzten Beitrag beschriebenen Schmerz, sobald die Wirklichkeit – warum auch immer - von unseren Vorstellungen und Erwartungen abweicht.



ICH. VOLLSTILLEND IM FAMILIENBETT
IN ENDLOSGEDULDSSCHLEIFE.

Ich in meinem Fall hatte seit dem ersten Tag meiner Schwangerschaft die Vorstellung, meine Kinder vollstillend, im Familienbett, stets ultra-entspannt und in Endlos-Geduldsschleife ins Leben zu begleiten. Eine phantastische Idee, wie ich damals fand! Ich hatte allerdings irgendwie nicht bedacht, dass weder mein Naturell, noch der Umstand, dass ich gleich zwei Kinder auf einmal bekam, dieser Idee zuträglich waren. Je mehr ich an dieser Vollstillendimfamilienbettinendlosschleife-Idee festhielt, desto mehr war ich im Widerstand gegen die tatsächliche Realität meines Teilzeit-Alleinerziehend-Zwillingmama-Alltags. Und dieser permanente Widerstand gegen mein Hier & Jetzt verursachte Schmerz, Unzufriedenheit, Frust und am Ende sogar Aggression. Jeden Tag ein wenig mehr. Die Folge: ich war so was von weit weg davon, meine erträumten Ideale des MutterSeins zu verkörpern, wie ich nur hätte sein können. Tschüss Familienbett. Shame on me!!!


Das ist mit UNHEILSAMEM FESTHALTEN gemeint! Es ist ein Sich Verbeißen in einen (zweifellos wundervollen) Idealzustand des eigenen Lebens. Einem Festkleben an der Idee, dass WENN wir erst einmal so oder so sein können, DANN sind wir fein, dann geht's uns richtig gut! Ganz ehrlich: Bullshit! Wir werden NIEMALS dort sein. Denn genau das ist das Problem des Festhaltens, des Begehrens, des Wünschens. Es wird immer etwas geben, das wir danach noch wollen und dessen Abwesenheit uns in den Widerstand bringt.




WIE DAS IDEAL DER PERFEKTEN MUTTER DICH
BLIND MACHT FÜR DEIN HIER & JETZT

Also! Buddha war scheinbar ein ausgesprochener Pragmatiker und hat insofern das Anhaften bzw. Begehren weder verurteilt, noch hat er von Irgendjemandem erwartet, es komplett auszulöschen (das wurde dann nach meinem Verständnis erst im Laufe der Jahrtausende in verschiedenen Traditionen von diversen Institutionen hinzugefügt). Ihm ging es – und hier ist der springende Punkt, der uns im Hier & Jetzt unseres Mamaalltags wirklich berührt – lediglich darum, dass wir uns unserer Anhaftungen bewusst werden und sie hinterfragen. Dass wir locker lassen, wenn es darum geht, wie irgendetwas – unsere Mutterschaft, unser Kind, wir selbst oder unsere Familie - auszusehen oder zu laufen hat. Wahrscheinlich ist: deine Realität sieht etwas anders aus als das Bild, das du dir irgendwann davon gemalt hattest. Und wenn du dagegen im Widerstand bist, weil du dem Ideal dieses Bildes hinterherrennst, dann rennst du an deinem echten Leben vorbei – und zwar mit schmerzendem Herzen und blind für all das Wunderbare, das gerade auch geschieht in diesem chaotischen Alltag mit Kind(ern).


Genauso verhält es sich übrigens auch mit deinem inneren Erleben - den unangenehmen, schwierigen oder gar explosiven Gefühlen, die dich vielleicht hin und wieder (seeehr selten!!!) im Familienalltag einholen. Wenn du in den Widerstand zu deiner Wut, deiner Hilflosigkeit oder deiner Überförderung gehst, weil du verbissen der Idee der friedvollen, erfüllten und warmherzigen Mutter nacheiferst und denkst, du darfst das Unangenehme alles nicht fühlen, dann MUSST du zwangsweise unzufrieden werden. Du MUSST leiden, weil du dem nicht entsprechen KANNST! Du musst dich als unzulänglich empfinden. Und deine Mutterschaft wird sich zu einem riesengroßen emotionalen Kraftakt entwickeln, durch den du versuchst, doch noch deinen eigenen Erwartung zu entsprechen.


Bitte, bitte, bitte. Lass uns ehrlich sein! Authentisch. Lass uns dieses innere Idealbild der immer friedvollen, bedürfnisorientierten oder sonst was perfekten Mutterschaft, das so viel Druck auf uns ausübt, flexibler gestalten. Lass uns akzeptieren, wer WIR sind. Lass uns annehmen, was WIRKLICH ist. Die hellen, freundlichen Tage, an denen wir uns auf eine fast überirdische Weise mit unserem Kind verbunden fühlen. Und die dunklen, gemeinen Tage, an denen wir am liebsten alles hinschmeißen wollen. Lass uns beides umarmen als Teil dieser einzigartigen und herausfordernden Erfahrung. Lass uns sein mit dem, was ist, statt dem hinterherzulaufen, was wir gerne hätten.


DAS ist buddhistische Psychologie im Mamaalltag. :-)



BEVOR ICH MICH DAVONTRAGEN LASSE IN MEINEM GRENZENLOSEN ENTHUSIASMUS: FAZIT

Wenn wir unsere Mutterschaft als leichter, freudvoller und befriedigender erleben möchten und davon ausgehen, dass Leben immer ein Spiel von Ursache und Wirkung (sog. KARMA - dazu aber ein anderes Mal) ist, dann macht es möglicherweise Sinn, sich der Ursache unserer Unzufriedenheit zu widmen, statt ständig daran herumzudoktern, wie wir die daraus entstehenden Symptome möglichst friedvoll negieren können (z.B. mit #entspannungsübungen). Denn wenn wir ein wenig tiefer buddeln, dann könnten wir einfach mal neugierig erforschen, welche unserer Erwartungen oder Ansprüche hilfreich und unterstützend sind für unseren Mamaalltag – und welche eben auch nicht.


Und dann könnten wir in einem nächsten Schritt schauen, ob wir an den für uns persönlich unheilsamen Erwartungen, Vorstellungen oder Ansprüchen festhalten wollen oder ob und wie wir sie zugunsten unserer Authentizität sanft und liebevoll loslassen können. Und genau das wird das Thema des dritten Teils dieser Reihe: die Beendigung unseres Schmerzes. Coming soon....



 

Hey. Ich bin Constance, ausgebildete Achtsamkeits- und Meditationslehrerin, Kommunikationstrainerin, leidenschaftliche Yogini und seit 2015 Zwillingsmama. Jeden einzelnen Tag neu bin ich auf der Suche nach meiner inneren Wahrheit. Wenn du noch ein wenig tiefer in deine eigenen Vorstellungen und Erwartungen in deinem MamaSein eintauchen möchtest, mag ich dir meine zehnminütige Achtsamkeitsmeditation ERWARTUNGEN PRÜFEN empfehlen. Und wenn du Lust hast in den Austausch zu gehen und einer wundervollen Community bewusster, authentischer Mamas beizutreten, abonniere bitte meinen Instagram-Kanal mindful.authentic.parenting oder komm' in unsere Facebook-Community


Ich freu mich auf dich!

Mindful. Authentic. Mostly.

Constance