BUDDHISTISCHE PSYCHOLOGIE FÜR MAMAS. TEIL 1/4: MIT DEM SCHMERZ SEIN

Unser MamaSein ist manchmal wunderbar. Und manchmal einfach nur zum kotzen! Da gibt es diese Tage, an denen wir uns auf eine fast überirdische Weise verbunden fühlen mit unserem Kind. Das sind die hellen, freundlichen Tage, die wir lieben, weil sie uns glücklich machen. Und es gibt diese Tage, an denen uns unsere Aufgabe, die damit verbundenen Erwartungen und vermeintliche Fehler, die wir machen, vollkommen über den Kopf wachsen. An denen wir zweifeln, entmutigt sind und am liebsten alles hinschmeißen würden. Das sind die dunklen, gemeinen Tage, die wir scheuen, weil sie so schmerzvoll sind. Und hier beginnt unser Dilemma…




Aus Den Vier edlen Wahrheiten
werden Die Vier Grundannahmen

Die Gesamtheit der buddhistischen Psychologie bezieht sich auf genau dieses Dilemma. Vollkommen unabhängig von unserer Lebenssituation geht der Buddhismus von folgenden vier Grundlagen aus – die häufig, aber nicht immer – als die Vier Edlen Wahrheiten bezeichnet werden und das zentrale Kernelement des Buddhismus bilden, vor 2.500 Jahren genau wie heute.


  • Es gibt Leiden.

  • Begehren ist eine Ursache des Leidens.

  • Die Beendigung vom Leiden ist möglich.

  • Es gibt einen Weg, Leiden zu beenden.


Ich persönliche tue ich mich etwas schwer mit Begrifflichkeiten, wie WAHRHEIT. Denn für mich scheint eine Wahrheit immer verbunden mit einem suggerierten Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wahrheit hat für mich etwas Universelles, Absolutes – etwas, an das man glaubt oder eben auch nicht. Im ursprünglichen Buddhismus geht es jedoch nicht um Glaubensfragen, sondern um reinen Pragmatismus. Zum Beispiel um die Frage, wie uns die Buddhistische Psychologie in unserem Alltag als Mama unterstützen kann – wobei wir wieder beim Thema wären. Insofern mag ich in einem ersten Schritt die Vier Edlen Wahrheiten alltagstauglicher machen, indem ich sie ein wenig umformuliere. Sagen wir mal in: Die Vier Grundsätzlichen Annahmen.


Diese Vier Grundannahmen der buddhistischen Psychologie bilden den elementaren Ausgangspunkt aller Ideen und Anregungen, die der Buddha zu seiner Zeit in die Welt gebracht hat. Daher mag ich meinen kleinen vierteiligen Exkurs in die buddhistische Psychologie für Mütter auch genau hier beginnen: mit der Annahme, dass Leiden ein unvermeidbarer Teil unseres Lebens ist.



Grundannahme 1: Es gibt Leiden.

Ja, das ist wohl so! Manchmal ist dieses Leid so unerträglich und offensichtlich, dass wir es überall in den Medien sehen. Über dieses Leid brauchen wir nicht diskutieren: es ist da, es braucht unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung um beendet oder zumindest gemindert werden zu können. Angesichts dieses großen Leids in dieser Welt fällt es uns manchmal unfassbar schwer unser ganz persönliches – gefühlt so viel kleineres - Leid auch als solches anzuerkennen. Denn wir wollen ja nicht undankbar sein. Und ja: wir dürfen LEID in Relation setzen miteinander und anerkennen, dass das Leid, das wir in unserem privilegierten Leben erfahren, weder lebensbedrohlich noch unermesslich ist. Möglicherweise ist es ja gar kein LEID um nicht vermessen zu sein??? Oder es braucht einfach auch hier eine etwas andere Formulierung, die uns eher dort abholt, wo wir gerade stehen in unserem Mamaalltag. vielleicht STRESS, UNZUFRIEDENHEIT oder SCHMERZ. Könnte das passen? Könnte, denn genau das sind weitere mögliche Übersetzungen des ursprünglichen Begriffes DUKKHA, der meist mit Leiden übersetzt wird. Also starten wir doch mal mit Schmerz, der für mich treffendste Begriff.



Schmerz ist eine Facette unseres MutterSeins.

Schmerz gehört zum Leben dazu! Hier hat der gute Buddha das Rad erstmal nicht neu erfunden. Wenn wir uns aber in aller Konsequenz mit dieser Annahme auseinandersetzen, fällt auf, dass das nicht nur eine Tatsache ist für die allermeisten von uns, sondern dass wir uns diesem Schmerz, der Unzufriedenheit oder dem inneren Stress auch nicht wirklich entziehen können. Irgendwie holen sie uns immer wieder ein. Egal wie viel Energie wir aufbringen um das zu vermeiden.


Und dennoch versuchen wir oft gerade in unserem MutterSein, die schmerzlichen Aspekte auszublenden. Eben weil sie schmerzen. Weil sie unangenehm sind im Körper, im Herzen. Weil wir Angst vor diesem Schmerz haben. Vielleicht weil uns erzählt wurde, dass Schmerz etwas Blödes ist, das es zu vermeiden gilt. Oder weil uns überall suggeriert wird, wie toll so eine Mutterschaft zu sein hat. Also sitzen wir heute hier und kämpfen gegen unseren inneren Schmerz. Schmerz darüber, dass wir nicht schlafen können, weil unser Kind unsere andauernde Aufmerksamkeit benötigt. Schmerz darüber, dass wir irgendwann zusammenbrechen, wenn wir nur lang genug im Schlafmangel waren. Und dann der Schmerz darüber, dass wir vermeintlich nicht gut genug sind als Mama, weil uns der Schlafmangel gereizt und aggressiv macht. Achso… und dann noch der Schmerz, dass alle anderen Mütter das wahrscheinlich so viel besser hinbekommen. Nur mal so als Beispiel…


In welcher Form auch immer: ich selbst und die meisten Mütter, mit denen ich arbeite, erleben diesen Schmerz über ihre eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten, mal mehr mal weniger bewusst. Er taucht immer wieder auf – meistens dann, wenn wir es nicht schaffen, die Mama zu sein, die wir sososo gerne sein möchten. Und dieser Schmerz über die dunklen Seiten des MutterSeins führt unter bestimmten Bedingungen in eine Endlosspirale der Unzufriedenheit, des GestresstSeins und letztlich der emotionalen Erschöpfung.



Leben bedeutet Fülle.
SCHMERZ IST FÜLLE.

Wenn also dieser Schmerz ohnehin immer da sein wird, weil er Teil unseres Lebens ist, wieso können wir ihn dann nicht als unvermeidbaren Teil unserer Erfahrung als Mutter anerkennen? Keine Ahnung, was genau dich davon abhält. Fakt ist erstmal, dass das ein Ergebnis der Evolution und Teil unserer menschlichen Natur ist: nach angenehmen Erfahrungen zu streben und unangenehme Erfahrungen zu vermeiden. Ein Überlebensinstinkt! Und dann kommt da noch unsere persönliche Geschichte...


Wenn wir aber beginnen, wirklich anzuerkennen, dass unser Leben neben Freude und Glück eben auch Leid und Schmerz beinhaltet – und dass beides gleichwertig ist - dann kann es uns gelingen, dem unvermeidlichen Schmerz in unserem Alltag wirklich zu begegnen. Den Widerstand dagegen aufzugeben. Offen und neugierig mit ihm zu sein. Ihn liebevoll anzunehmen und ihn zu beobachten. Zu schauen, worauf er uns aufmerksam machen möchte. Und mit ihm zu bleiben, bis er weiterzieht. Denn das wird er. Egal wie laut du dein Kind angeschrien hast. Egal wie sehr du ausgeflippt bist. Egal, wie blöd irgendetwas gerade gelaufen ist. Der Schmerz darüber ist endlich!


Wenn wir den Widerstand gegen schmerzhafte Erfahrungen aufgeben und sie stattdessen als Möglichkeit der aktiven Lebensgestaltung sehen, entsteht ein Shift vom Mangel-Bewusstsein hin zu einem Fülle-Bewusstsein. Wir beginnen, das Leben mit all seinen Facetten zu erfahren und radikal zu akzeptieren. Wir verlieren die Angst vor Schmerz, vorm Scheitern, vor Zurückweisung. Wir beginnen wirklich zu ERleben. Zu experimentieren. Zu vertrauen. Auf uns, auf unser Kind, auf das Leben.


Und wenn wir diese Grundidee wirklich in unser Mind- und Heartset integrieren, dann entfaltet sich die erste buddhistische Edle Wahrheit über die Existenz des Leidens in eine radikale Liebeserklärung an unseren Alltag. Und eröffnet somit nach und nach genau den Raum, den wir in unserem Leben brauchen, um die Mama für unser Kind zu sein, die wir so gerne sein möchten.


Teil 2 der vierteiligen Reihe zur den Vier Grundannahmen buddhi